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Sonntag, 14. Juni 2020

E Dio disse a Caino (Satan der Rache)


It./D, 1969. Regie: Antonio Margheriti

Während Italiens Großmeister des Genrekinos Mario Bava mittlerweile im In- und Ausland dank hervorragender BD-Editionen längst werkumfasssend gewürdigt wird, fristet das Werk seines Landsmannes Antonio Margheriti noch immer ein Schattendasein, von einigen wenigen kompetenten Veröffentlichungen - meist als DVD - mal abgesehen („Castle of Blood“ bei Synapse/USA, „Virgin of  Nuremberg“/“Schloß des Grauens“ bei Shriek Show/USA und Koch/D, „Seven Deaths in the Cat’s Eye“ bei Blue Underground/USA, „Naked... you die“/“Sieben Jungfrauen für den Teufel“ bei Dark Sky/USA und X-Rated/D). Das ist schade, denn Margheriti war zwar ein vielfilmender Tausendsassa, der in allen Genres aktiv war und auch einiges an Trash fabriziert hat, dennoch bietet seine Filmografie genug Hervorragendes, sodass sich ein genauerer Blick außerordentlich lohnt. Einen Großteil seiner Filme unterschrieb er mit seinem vermarktungsfreundlicheren nome-de-plume Anthony Dawson. Bekannt ist er wohl in erster Linie für seine Horrorfilme, seine Arbeiten im Science-Fiction dagegen sind heute fast vergessen, obwohl es hier einige Perlen des 60s-Pop-Art-Films zu entdecken gäbe („Criminali della Galassia“/“Raumschiff Alpha“/“The Wild Wild Planet“, 1965). Wie Mario Bava war Margheriti natürlich auch in dem kommerziell erträglichsten Feld der italienischen Filmproduktion der 60er tätig: dem Spaghetti-Western. Sein zweifellos bester Beitrag zum Genre ist der 1969 als italienisch-deutsche Koproduktion gedrehte „E Dio disse a Caino“/“Satan der Rache“ mit Klaus Kinski in der Hauptrolle. e-m-s, neben Koch und Anolis zeitweise Vorreiter in angemessenen Genreveröffentlichungen (bis zur Auflösung der Firma 2012), hat schon 2005 eine gelungene, wenn auch nicht perfekte DVD des Films auf den deutschen Markt gebracht, die trotz einiger Bildmängel noch immer zu empfehlen ist.

Während viele Italo-Western durchaus einzelne Elemente des Horrorfilms aufnehmen aber im Kern doch Western bleiben, ist Margheriti hier die perfekteste Synthese beider Genres gelungen. „Satan der Rache“ ist ein atmosphärisch dichter, spannender und origineller Gothic-Western, den man zu den besten Italo-Western zählen kann. 

Gary Hamilton (Klaus Kinski) wird nach 10 Jahren Arbeitslager entlassen, und er kennt nur einen Gedanken: Rache am örtlichen Strippenzieher Acombar, der ihm einst einen Mord anhängte, um sich anschließend nicht nur Hamiltons Besitzes, sondern auch dessen Geliebter zu bemächtigen. 
In der von Acombar kontrollierten Stadt spricht sich schnell rum, dass Hamilton wieder frei ist, Unruhe breitet sich aus. Düstere Vogelschwärme und ein aufziehender Tornado sind Vorboten des Untergangs, die Natur scheint im Verbund mit dem Rächer.  

Kinski spielt den Racheengel stoisch und mit sparsamer Mimik vor dem Hintergrund einer sich in Panik auflösenden Ordnung. Selten wurde die Bedrohung herannahenden Unheils so gekonnt inszeniert, Margheriti fährt dabei nach und nach das ganze Arsenal des Gothic-Horror auf: Eine sich gegen die gestörte Ordnung (Unrecht) wehrende Natur, ein mehr und mehr ins irrationale abdriftendes Verhalten der Schuldigen, Kirchenglocken, die den Untergang ankündigen, knarrende Türen, wehende Vorhänge. Ein Spiegelsaal (ein Schuft, wer dabei an Orson Welles denkt!) verbildlicht die Verunsicherung der Gejagten, und das düstere Familiengeheimnis verbirgt sich – natürlich – hinter dem Spiegel. Wie in einer shakespearschen Rachetragödie nimmt das Unheil seinen Lauf, keiner kann es aufhalten, keiner seinem Schicksal entkommen. Eine Frau am Klavier spielt ahnungsvoll schwermütige Melodien (siehe auch „Long Hair of Death“, „Die Stunde, wenn Dracula kommt“, „Der Dämon und die Jungfrau“), Kerzenleuchter illuminieren die Räume, und fast könnte man meinen, die dem Untergang geweihte Familie wohne in einer Burg anstelle des andalusischen Anwesens, das als Kulisse dient. Wo im herkömmlichen Western meist mit Gewehrkugeln gemordet wird, sterben die Handlanger Acombars in bester Gothic-Horror-Manier durch Aufhängen (am Glockenseil!), zerteilen (durch die Kirchenglocke!!), oder sie hängen aufgespießt am Haken. Alles andere als ein Standardwestern also, am ehesten lässt sich Margheritis Film noch mit Canevaris „Willkommen in der Hölle“/“Matalo!“ vergleichen, auch wenn er nicht dessen Durchgeknalltheit besitzt .

Die Westernstadt, durch die der Sturm fegt, wird in „Satan der Rache“ mehr und mehr zum Ersatz-Spukschloss. In einer Geschichte um Schuld, Sünde und Rache darf auch das sakrale nicht fehlen, und so gibt es Kirchenorgeln und einen stummen Pfarrer, der regungslos und fatalistisch den Opfertod stirbt. Während sich über der Erde Angst und Schrecken verbreiten, bewegt sich der unwirklich erscheinende Racheengel unterirdisch durch verlassene Katakomben, angefüllt mit indianischen Kultobjekten und Gräbern. Wer will, kann hier Psychologisches hineinlesen (Unterbewusstsein), oder aber sich einfach nur wohlig gruseln. Schließlich gerät die Dynamik der Schuld vollends außer Kontrolle, und die Familie Acombars löscht sich selbst aus. Das reinigende Feuer, das ihr Anwesen verschlingt, erinnert wohl nicht ganz zufällig an Roger Cormans „Untergang des Hauses Usher“. Am nächsten Tag, als der Tornado und mit ihm der Rächer verschwunden sind, ist nichts mehr wie es war. 

Das Motiv des zu Unrecht verurteilten, der zum Racheengel wird, liegt wohl mehr oder weniger den meisten Spaghetti-Western zugrunde, dennoch gelingt es Margheriti, durch stilistische Überhöhung und Verdichtung diesem altbekannten Handlungsmuster ein Maximum an Spannung und Atmosphäre abzugewinnen. Gleichzeitig würzt er den Film mit einer moralischen Ambivalenz – am Ende setzt er das Bibelzitat um Kain und das Blut, das er vergossen hat (der italienische Originaltitel des Films bedeutet „Und Gott sprach zu Kain“), gemeint ist damit der „gerechte“ Rächer Hamilton, den Gott verflucht und zu einem unsteten Leben auf der Flucht verdammt. 

Neben Kinski profitiert der Film von einer guten Besetzung – Peter Carsten, der auch Koproduzent war, spielt den gehetzten Acombar glaubhaft, Marcella Michelangeli als ex-Geliebte Hamiltons und Acombars Frau hätte auch jeden Horrorfilm der Dekade geziert, und Luciano Pigozzi hat einen seiner zahlreichen Auftritte als „Italiens Peter Lorre“, ihm gönnt Margheriti ein besonders denkwürdiges Ende. 

Eine HD-Veröffentlichung des Films steht noch aus, bislang ist nur die DVD von e-m-s verfügbar. Die Bildqualität der nun schon etwas älteren Editión schwankt zwar an einigen Stellen ganz erheblich, bleibt aber immer im annehmbaren Bereich. Neben der guten deutschen Synchro gibt es den italienischen Originalton in guter Qualität, Trailer, Filmografien zu Kinski und Margheriti und die übliche Bildergalerie. Verpackt ist das Ganze im stilecht gestalteten Schuber. Natürlich wären mehr Extras schön gewesen – etwa eine Doku über den Regisseur, doch dafür bieten sich ja noch genügend Gelegenheiten, denn eine Wiederentdeckung von Margheritis umfangreichem Werk ist dringend überfällig. 
(8/10)

Silbersattel (Sella d'argento)

Italien / Spanien 1978, Regie: Lucio Fulci

 Roy Blood (Giuliano Gemma) ist ein Pistolero wider Willen. Durch einen tragischen Umstand wurde er als Kind zum Rächer seines Vaters, seitdem reitet er auf dem silbernen Sattel des Mannes, der seinen Vater kaltblütig ermordet hatte, durch die melancholische Westernwelt Südspaniens.

Doch er entkommt seinem Schicksal nicht: zufällig trifft er auf den jüngsten Spross der Barrett-Familie, aus der auch der Mörder seines Vaters stammte. Der kleine Barrett jr. soll mit Hilfe des gefürchteten Banditen Garrincha entführt werden, damit will Thomas Barrett seine Schwester und Konkurrentin ums Familienerbe aus dem Weg räumen. So wird Roy Blood einmal mehr wider Willen zum Rächer, und für den kleinen Barrett jr. zum ganz und gar unfreiwilligen Ersatzvater.

 „Sella d'argento“ war Fulcis dritter und letzter Western (die beiden „Wolfsblut“-Filme nicht mitgezählt). War „Django - Sein Gesangbuch war der Colt“ von 1966 noch ein lupenreiner Spaghetti-Western, so zählte der düstere  „Verdammt zu leben - verdammt zu sterben!“ von 1975 schon zu den Vertretern der Spätphase des Genres.

„Silbersattel“ entstand 1978, als das Genre längst als mausetot galt. Dennoch ist „Sella d'argento“ kein Abgesang auf das Genre, noch ein typischer Vertreter der überwiegend düsteren Endphase des europäischen Westerns. Der vorherrschende Ton ist eher melancholisch und entspannt. Fulcis Augenmerk liegt hier einmal nicht auf Drama und Schockmomenten, stattdessen dreht sich der Film  in erster Linie um die Beziehung zwischen dem kleinen Jungen und Roy Blood. Diesem Umstand muss sich sogar die potentielle Herzensdame unterwerfen, die kaum mehr als Beiwerk ist. Nicht untypisch für einen Vertreter eines Genres, in dem es traditionell um Beziehungen unter Männern geht. Frauen sind hier normalerweise nur als Huren oder Mütter zu sehen, und in beiden Fällen müssen sie in der Regel sterben. Dieses Schicksal bleibt Margaret Barrett (Cinzia Monreale) erspart, aber dafür bezahlt sie mit der Marginalität ihrer Rolle. Eine Männerwelt bekommen wir also auch hier präsentiert, wenn auch mit einem Kind in einer tragenden Rolle.

 Giuliano Gemma weiß recht gut, mit dieser Perspektivenverlagerung umzugehen. Obwohl er ein recht zurückhaltend agierender Schauspieler ist, schafft er es durchweg, seine Rolle als unfreiwilliger Stiefvater lebendig und mit Blick für Feinheiten zu gestalten. „Silbersattel“ ist ganz und gar Gemmas Film. Neben Gianni Garko gehört er zu den vielseitigsten italienischen Schauspielern, die bis heute -immerhin sind beide um die 70 – gut im Geschäft sind. In Deutschland kennt man sie fast ausschließlich durch ihre Westernrollen, doch in Italien schätzt man beide als Allrounddarsteller.

Was man von Jungschauspieler Sven Valsecchi in der Rolle des Barrett jr. nicht gerade behaupten kann. Mehr als ein unschönes Grinsen mit Zahnlücke wirft er nicht in die Waagschale, und so überrascht es nicht, dass die Filmkarriere des Kleinen bereits ein Jahr später vorbei war.

Neben Gemma agieren der Amerikaner Geoffrey Lewis mit unglaublicher Knautschvisage in der Rolle des zwielichtigen Leichenfledderers Snake, sowie Cinzia Monreale als Margaret Barrett. Monreale agiert hier recht farblos, doch sie hatte in den Folgejahren noch einige denkwürdige Auftritte in Genrefilmen vor sich – als blinde Emily in Fulcis Zombie-Splatter-Phantasmagorie „E tu vivrai nel terrore – L'aldilà“ (Geisterstadt der Zombies, 1981), und in einer Doppelrolle in D'Amatos Nekrophilie-Saga „Buio Omega“ (Sado - Stoß das Tor zur Hölle auf, 1979).

Die wichtigste Rolle neben Gemma spielt in diesem Film aber Sergio Salvati, Fulcis Kameramann. „Silbersattel“ ist durchweg hervorragend fotografiert, und Salvati nutzt die Schauwerte des Drehorts bei Almeria optimal aus. Visuell ist „Silbersattel“ meistens eine dankbare Angelegenheit, auch wenn der Plot sich mitunter ein wenig zu entspannt entfaltet. Den inszenatorischen Schmiss, den Fulci in seinen besseren Filmen bewies, sucht man hier leider vergeblich. Auch wenn der Film nicht unbedingt langweilig ist, wirklich packend ist er jedenfalls auch nicht.

Das größte Problem von „Silbersattel“ ist allerdings akustischer Natur. Die Filmmusik von Bixio,   Frizzi und Tempera ist eine einzige Zumutung. Nicht nur, dass sie für den Film ein besonders hinterhältiges Gebräu aus Country-Folk-Hippie-Softrock verbrochen haben, das dem Film gelegentlich einen leicht komatösen Charakter verleiht, dieses Trio Infernal der Filmmusik hat dazu auch noch einen Titelsong komponiert, der das Rennen um den widerwärtigsten Filmsong ohne Anstrengung macht. Gesungen zudem von einem grässlichen Sänger, das versteht sich fast von selbst. Doch nicht genug der Audio-Folter: Fulci hielt es auch noch für angemessen, jene Titelsong-Zumutung im zehn-Minuten-Rhythmus immer wieder über den Film kommen zu lassen. So muss systematische Folter aussehen: kaum reitet Gemma irgendwo in die Landschaft, schon zuckt man als Betrachter zusammen, weil man fürchtet, dass das gleiche Lied schon wieder erklingt. Und das tut es jedesmal! Nachdem ich dieses Prinzip begriffen hatte, griff ich sofort zur Stummschaltung, sobald sich eine Lücke in der Handlung auftat oder Gemma sein Pferd in Richtung Wildnis steuerte.

Möglicherweise sind Fans von Crosby, Stills & Nash und Joan Baez immun gegen diese Art von Folter.

„Silbersattel“ gehört kaum zu den wichtigen oder denkwürdigen Vertretern des Italo-Western, und auch für Fulci-Fans wird er kaum mehr als eine Randnotiz sein im Oeuvre dieses reichlich widersprüchlichen Regisseurs. Der rundum softe, in herbstliche Farben getauchte und leicht schläfrige Stil des Films lässt sich noch am ehesten mit dem ein Jahr zuvor entstandenen „Sette note in nero“ vergleichen, der sich zum Giallo-Genre ähnlich verhält wie „Silbersattel“ zum Spaghetti-Western. Man würde kaum vermuten, dass Fulci nur ein Jahr nach diesem Film ein Quartett von Horrorepen von der Leine lassen würde, das seinerzeit Zensoren und Moralwächter an den Rand des kollektiven Herzinfarktes brachte.

Europas führende Spezialisten in Sachen Italo-Western, Koch Media, gönnten Fulcis Spätwestern eine tadellose DVD-Veröffentlichung im Rahmen der regenbogenfarbenen Italo-Western-Reihe. Die Bildqualität ist hervorragend, und lobenswerter Weise sind neben der deutschen Synchro sowohl die italienische als auch die englische Sprachfassung auf der DVD enthalten. Deutsche Untertitel sind optional. Unter den Extras findet man den alten deutschen Vorspann, den englischen Trailer und zwei Interviews. Fabio Frizzi, einer der Komponisten der Filmmusik, erzählt von seinen Erfahrungen mit Fulci, während der Cutter Bruno Micheli Einblicke in seine Arbeit am Film gibt. Dazu eine Bildergalerie mit Filmplakaten und Standfotos, sowie einen soliden Klappentext auf dem Digipack.

Alles in allem eine tadellose Edition eines zwiespältigen und nicht wirklich wichtigen Films. Allerdings - wenn „Silbersattel“ nicht schon der schlimmen Musik wegen einen Platz in der Filmgeschichte verdient hat, so ist ihm wenigstens der Ruhm sicher, die albernste Schlussszene des gesamten Westerngenres zu liefern. Die ist so dämlich, dass man sie dann doch irgendwie gesehen haben muss. 



Cjamango (Django - Kreuze im blutigen Sand)


It., 1967. Regie: Edoardo Mulargia


Revolverheld Cjamango – in der deutschen Fassung wurde aus ihm eine weitere Django-Inkarnation – hat Glück im Spiel. Gerade hat er einen üppigen Goldschatz zweifelhafter Herkunft gewonnen, ob er dabei getrickst hat, bleibt unklar. Doch sein Glück währt nicht lange – kaum hat er seinen Spielpartner ins Jenseits befördert, weil dieser sich als kein guter Verlierer erwies, schon droht Cjamango das gleiche Schicksal. Eine schiesswütige Bande überfällt das Lokal und knallt alles nieder, was sich bewegt. Cjamango überlebt verletzt, doch das Gold ist er los. Wenig geneigt, sich damit abzufinden, macht er sich auf die Suche nach den Räubern. Dabei verschlägt es ihn in ein Dorf, das sich gerade in heller Aufruhr befindet. Die Bewohner glauben, die Pest sei ausgebrochen und verlassen den Ort fluchtartig. Zurück bleiben zwei rivalisierende Banden – eine von beiden hat sich das Gold unter den Nagel gerissen, die andere ist fest entschlossen, es den Rivalen abzujagen. Außer ihnen blieben noch eine Frau und ein kleiner Junge im Dorf zurück, sie versuchen sich zwischen den Fronten zu behaupten.

Cjamango aber interessiert nur das Gold – so versucht er, eine Bande gegen die andere auszuspielen. Doch da gibt es noch einen weiteren Fremden, der Cjamango auffällig dicht auf den Fersen bleibt.

Vieles an „Cjamango“/“Django – Kreuze im Blutigen Sand“ erinnert natürlich an die Mutter aller Spaghetti-Western, Sergio Leones „Für eine Handvoll Dollar“. Der einsame, schweigsame Pistolero, der – von nicht immer hehren Beweggründen getrieben – am Ort des Geschehens auftaucht und die lokalen Platzhirsche gegeneinander ausspielt, dieses Plot-Grundmuster geht unzweifelhaft auf Leone zurück. Auch die einsame Frauenfigur, die in dieser manisch aufs Morden und Sterben fixierten Männergesellschaft mit allen Mitteln ums Überleben kämpft, hat ihr Vorbild in Marianne Kochs Rolle im erstem Dollar-Film.

Was den Plot anbetrifft, liefert Edoardo Mulargias Film also kaum Überraschungen, sieht man einmal von der „unerwarteten“ Wendung ab, die das Geschehen kurz vor Schluss nimmt, und die für den aufmerksamen Zuschauer so unerwartet natürlich gar nicht kommt. Ansonsten variiert „Cjamango“ das bewährte Grundmuster kaum. Der Protagonist ist ein Schurke, wenn auch kein ganz mieser, die Gangsterbosse sind raffgierig und eiskalt, und die einzige Frau im Dorf ist auch alles andere als eine Heilige. Ihr Schicksal ist das der meisten Frauenfiguren im Italo-Western: es gibt für sie schlicht keinen Platz, so kann sie nur scheitern. Das bedeutet, dass sie von der Bildfläche verschwinden muss (wie Marianne Koch in Leones Film), ansonsten wartet der unausweichliche, gewaltsame Tod auf sie.

Und auch ein wirkliches Happy-End gibt es nicht in diesem nihilistischen Kosmos – hier wird keine natürliche Ordnung wieder hergestellt (anders als im amerikanischen Western), sondern das Spiel geht ewig so weiter und wer zuletzt lacht, der lacht immer noch am besten.

Nicht nur inhaltlich, auch Stilistisch hält sich Regisseur Mulargia weitgehend zurück. Der offenbar mit wenig Geld gedrehte Film ist routiniert und straff inszeniert, es fallen weder Längen noch nennenswerte visuelle Mätzchen auf. „Cjamango“ gehört eindeutig nicht zu den barock-bizarren Vertretern des Italo-Western, noch verfällt er in Klamauk, auch wenn die deutsche Synchro (Rainer Brandt mal wieder....) sich redlich Mühe gibt: „E.W.G. – einer wird gewinnen“ lässt er Cjamango nach gewonnenem Kartenspiel sagen. Besser ist man hier eindeutig mit der italienischen Originaltonfassung beraten, schon weil dieses mal nahezu alle Darsteller mit Ausnahme von Hargitay offenbar italienisch sprechen. Der Grundton des Films ist ernst, wenn auch nicht tragisch oder zu sentimental, und so laufen die ständigen Versuche der deutschen Synchronregie, das Ganze auf Kalauer hin zu trimmen, zwangsläufig ins Leere.


Die Hauptrolle des Cjamango spielt der kroatischstämmige Italiener Ivan Rassimov, damals noch unter dem Pseudonym Sean Todd. In den Folgejahren entwickelte sich Rassimov zum vielbeschäftigten Genredarsteller, der dank seines markanten Gesichts zunächst vom Regisseur Sergio Martino bevorzugt als dämonische Nebenfigur in seinen Gialli besetzt wurde. Später drehte Rassimov mit Umberto Lenzi und Ruggero Deodato einige legendär-berüchtigte Kannibalen-Filme, spielte mit wechselnden Haarfarben in diversen Poliziotteschi den Schurken und tauchte an der Seite von Laura Gemser in zwei Emanuelle-Filmen von Joe D’Amato auf.

In „Cjamango“ steht Rasimov, dessen Schwester Rada übrigens ebenfalls eine Karriere im Genrefilm verfolgte, noch am Beginn seiner Laufbahn. Man erkennt ihn kaum unter dem Dreitagebart, auch sein später so markanter stechender Blick ist noch nicht ganz ausgeprägt. Dennoch, sein Gesicht ist interessant/markant genug, um dem Film zu tragen.  Anhänger von Clint Eastwood und Franco Nero werden Rassimov in der Cjamango-Rolle vermutlich als etwas farblos empfinden, doch sein zurückhaltendes Spiel passt perfekt zum Film.

Neben Rassimov treten in „Cjamango“ einige weitere vertraute Genre-Darsteller auf – so spielt Piero Lulli wie immer verlässlich den Schurken, während Hélène Chanel (eigentlich Hélène Stoliaroff) als hinreißend zwielichtiges Objekt der Begierde eine ähnlich gute Darstellung liefert. In der Rolle des rätselhaften, schwarz gekleideten Fremden tritt Mickey Hargitay auf, der ungarische ex-Bodybuilder und ex-Gatte von Jayne Mansfield. Hargitay ist nie ein guter Schauspieler gewesen, allerdings fällt das in der Rolle, die er in „Cjamango“ spielt, kaum auf, denn er verbirgt sein Gesicht meist unter der breiten Hutkrempe.

In der etwas nervtötenden Rolle des kleinen, schutzbedürftigen Jungen (Kinderrollen sind immer eine Sache für sich...), tritt der damals vielbeschäftigte Kinderstar Giusva Fioravanti auf. Seine Laufbahn nahm eine ganz unerwartete Wendung, als er sich – kaum volljährig – den italienischen Neofaschisten als Terrorist anschloss und schließlich für über 90 Morde zu lebenslanger Haft verurteilt wurde. Unter den Verbrechen, die ihm angelastet wurden, zählte auch der berüchtigte Bombenanschlag auf den Hauptbahnhof von Bologna, der 1980 ganz Italien in Angst und Schrecken versetzte. Vielleicht hätte Cjamango das Dynamit besser hochgehen lassen, anstatt den unerträglichen Balg zu retten....

„Cjamango“-Regisseur Edoardo Mulargia gehört unter den italienischen Genreregisseuren eindeutig ins zweite Glied, auch wenn er einige interessante Filme inszenierte – darunter der exotische Giallo „Death in Haiti“ (1972) und der Western „W Django!“ (1971), beide mit Anthony Steffen. Mulargias Karriere endete 1980 mit einigen Frauengefängnis-Filmen, die deutlich in Hardcore-Gefilde kippten.

„Cjamango“/“Django – Kreuze im Blutigen Sand“ erschien 1967, als der Italo-Western seinen Zenith erreichte, und er lief seiner bescheidenen Herkunft und Machart zum Trotz recht erfolgreich im Kino. In der Masse der Italo-Western ragt er kaum heraus, allerdings weist er auch keine allzu drastischen Mängel auf. Ein Routine-Werk also, für das sich vermutlich vor allem Genrefans interessieren werden.

In der Italo-Western Reihe von Koch Media erschien er unter dem deutschen Verleihtitel „Django – Kreuze im Blutigen Sand“ als Nummer 17. Dass er in Deutschland zum Django-Film umgewidmet wurde überrascht wenig, und in diesem Fall war es ausnahmsweise durchaus konsequent – allein der Name Cjamango verrät schon, dass die Macher des Films die populäre Django-Figur fest im Blick hatten. Die Kreuze im blutigen Sand wird man im Film allerdings vergeblich suchen.

Leider fällt die DVD hinsichtlich der Bildqualität deutlich aus dem Rahmen. Das Bild ist durchweg zu weich, die Farben verlaufen wie bei einer VHS-Kassette, Treppchenbildung überall, Landschaften flirren um die Wette – kurzum, es ist offensichtlich, dass Koch eine Vorlage zur Verfügung hatten, die qualitativ weit unter dem gewohnten Niveau lag. Vermutlich gab man sich Mühe, herauszuholen was herauszuholen war, dennoch muss man leider sagen, dass das Resultat enttäuschend ausgefallen ist. Das macht diese Veröffentlichung umso mehr zur reinen Fan-Sache.

Als Extra gibt es ein 20-minütiges, atemloses Interview mit dem italienischen Filmhistoriker Bruschini, zusammen mit den Liner Notes von Christian Kessler dürfte dies alle Fragen zum Film befriedigend beantworten. Dazu Trailer auf deutsch, englisch und italienisch, und eine Bildergalerie.

Wer sich nicht gerade als Spaghetti-Western-Fan betrachtet, sollte es besser mit einem anderen Film aus der Reihe versuchen, für die Spezialisten dürfte wiederum die magere Bildqualität ein deutliches Manko darstellen. Unterm Strich bleibt ein unterhaltsamer, wenn auch nicht weiter bemerkenswerter Film in einer für Koch untypisch schwachen Edition. Für Komplettisten und Rassimov-Fans.

Die Seltsame Gräfin

Deutschland, 1961. Regie: Josef von Báky Der „Sunset Boulevard“ unter den Wallace-Filmen Obwohl sich die Edgar-Wallace-Filmreihe 1961 ge...